Samstag, 22. Oktober 2011

Herr Maus zieht in die große Stadt

In Dänemark weiß man es ja schon seit geraumer Zeit: Micky ist unbeliebt. Die Ergebnisse von zahlreichen hochwissenschaftlichen Erhebungen der Egmont-Marktforschungsabteilung ließen bereits Ende der 90er Jahre keinen anderen Schluss mehr zu. Damals reagierte man auf diesen alarmierenden Befund, indem man den Mäuserich einer Lobotomie unterzog, um währenddessen in aller Ruhe seinen Kleiderschrank neu bestücken zu können. Da sich jedoch beide Maßnahmen in der Folgezeit als völlig wirkungslos erwiesen, hat man bei Egmont mittlerweile resigniert und den Nager als hoffnungslosen Fall abgetan. Schließlich wurde ja alles nur Erdenkliche versucht!
Etwas anders sieht es in Italien aus: Obwohl man auch dort inzwischen zu der Erkenntnis gelangt ist, dass Micky ein Imageproblem hat, wurde von einer radikalen Neukonzipierung der Figur bisher Abstand genommen. Die Serie "Topolinia 20802" kann zwar als erster Schritt in diese Richtung gedeutet werden, vom dänischen Radikalismus unterscheidet sie sich allerdings schon allein dadurch, dass hier Könner am Werk waren.


So sind mit Fausto Vitaliano, Alberto Savini, Casty sowie Lorenzo Pastrovicchio einige der ambitioniertesten Disney-Künstler Italiens an dem Projekt beteiligt, welches ungeahnte Facetten der Maus zum Vorschein bringt, ohne die Figur dabei zu vergewaltigen. Der Ansatz ist  ebenso einfach wie naheliegend: Nicht Micky wird verändert, sondern sein Umfeld.

Ausgangspunkt der Story ist eine Identitätskrise des Protagonisten: Micky stellt fest, dass er bisher trotz aller Erfolge nie über die Rolle des talentierten Amateurs hinausgekommen ist. Um sich selbst zu beweisen, dass er das Zeug dazu hat, einer geregelten Arbeit nachzugehen, aber auch um aus der Routine seines allzu beschaulichen Vorstadtlebens auszubrechen, trifft er daher den Entschluss, in die City zu ziehen und sich als Journalist zu versuchen. Schnell muss er jedoch erkennen, dass der Weg zu beruflicher Anerkennung steiniger ist als erwartet.
Historisch betrachtet kommt man nicht umhin, Micky ein gehöriges Maß an Berufserfahrung zuzusprechen. Bereits in Gottfredsons "Editor-in-grief" kam er mit der Welt des Journalismus in Berührung und auch in späteren Storys war er das eine oder andere Mal als Reporter im Einsatz. Sein investigatives Talent dürfte ohnehin unbestritten sein. Und doch findet er sich in seinem neuen Job in der Rolle des Lehrlings wieder. Statt Sensationsreportagen warten auf ihn Artikel über Schlaglöcher und mathematisch begabte Hauskatzen.


Sein Ruf scheint noch nicht weit genug vorgedrungen zu sein. Und so muss sich Micky in "Topolinia 20802" - welches übrigens auch der Name des Bezirks ist, in dem er nun unter der Woche lebt - von Grund auf neu beweisen. Dass er anfangs mit Anpassungsschwierigkeiten zu kämpfen hat, erschwert dieses Unterfangen zusätzlich. Er ist das Leben in der Großstadt offensichtlich nicht gewohnt. Hier herrschen andere Regeln, die es zu verinnerlichen gilt, wenn man sich durchsetzen möchte. Entsprechend ergeben sich dann in den ersten Folgen auch immer wieder Situationen, wie man sie aus klassischen Fish-out-of-Water-Komödien kennt. Und obwohl dieser Aspekt der Handlung auf der unplausiblen Prämisse beruht, dass Micky ein naives Landei ist, wird der Lesespaß nicht nachhaltig getrübt, was in erster Linie dem hervorragenden Skript zu verdanken ist.

Übersetzung

"Topolinia 20802" vereint viele Genres in sich, zeichnet sich aber vor allem durch ausgeprägten Wort- und Bildwitz aus. An vielen Stellen arbeiten die Autoren mit Kontrasten, welche vor allem Mickys komische Seiten deutlich zu Tage treten lassen: Dieser wirkt im Vergleich zu seinen mit den Gesetzen der Großstadt vertrauten Mitmenschen oft rührend einfältig. Ob nun beim Lösen einer Fahrkarte, beim Bestellen eines Kaffees oder beim Versuch, seine neuen Kollegen mit einer Rede zu beglücken - stets sticht er durch sein Verhalten aus seiner Umgebung hervor. Verstärkt wird dieser Aspekt durch eine Reihe von Gags, die auf Mickys geringe Körpergröße anspielen und dem Leser vor Augen führen, dass sich der Mäuserich in einer Welt bewegt, die zu groß für ihn ist.


Obgleich wie erwähnt die heiteren Momente überwiegen, kommt auch das kriminalistische Moment nicht zu kurz. Am eindrucksvollsten sind aber fraglos jene Szenen, in denen Micky seine eigenen Fähigkeiten hinterfragt. Immer wieder muss er nämlich Rückschläge einstecken, die ihn beinahe dazu bewegen, aufzugeben. Nun sind Selbstzweifel und Versagensängste Gefühle, die man von dieser scheinbar perfekten Figur eigentlich nicht erwarten würde. Vielleicht war sie in der Vergangenheit einfach zu erfolgsverwöhnt und hat es infolgedessen verlernt, mit Niederlagen umzugehen? Welche Interpretation man auch wählt: Die Charakterisierung wirkt glaubwürdig, da das an einigen Stellen vorherrschende Moment der Ohnmacht sowohl auf der erzählerischen als auch auf der bildlichen Ebene prägnant zum Ausdruck gebracht wird. Hierfür finden verschiedene Verfahren Anwendung, von denen mir eines ganz besonders ins Auge gefallen ist: Immer wieder spiegelt sich die emotionale Befindlichkeit des Protagonisten in der Verfasstheit seiner Umgebung. Der Blick auf die majestätische Skyline verbildlicht Augenblicke von Hoffnung, das undurchdringliche Dunkel des U-Bahn-Tunnels hingegen das Gefühl der Verzweiflung.


Humor, Crime und Tiefgang sind demnach vorhanden. Was aber noch wichtiger ist: Wie jede gute Serie verfügt "Topolinia 20802" über originelle Nebenfiguren. Statt mit den üblichen Sidekicks und Widersachern bekommt es Micky hier mit einer Reihe schräger Typen zu tun, auf die er sich erst langsam einstellen muss. Das hat zum einen zur Folge, dass die Routine eingespielter Handlungsabläufe durchbrochen wird, es führt zum anderen aber auch dazu, dass sich Micky plötzlich in ungewohnten Rollen wiederfindet. Beispielhaft hierfür ist die Lehrlings-Meister-Beziehung, in welcher er zu seinem Chef Crosby steht. Nicht ganz so vertrauensvoll ist das Verhältnis zu seinem Vermieter, zumal sich dieser schnell als ein ebenso fauler wie dreister Halsabschneider erweist. Kurz gesagt: Eine Figur nach meinem Geschmack! Dementsprechend darf eine kleine Kostprobe natürlich nicht fehlen.


Das geübte Auge wird Castys Zeichenstil sofort erkannt haben. Sein großes Vorbild ist bekanntlich Romano Scarpa, in dessen Tradition auch der dieses Frühjahr verstorbene Giuseppe Dalla Santa stand, welcher die zweite Folge der vierteiligen Staffel umgesetzt hat. Anderen Stilrichtungen gehören hingegen Ghiglione und Pastrovicchio an, was einem vor allem dann auffällt, wenn man die Story an einem Stück durchliest. Aller zeichnerischen Uneinheitlichkeit zum Trotz hinterlässt das Artwork jedoch einen insgesamt runden Eindruck. Einer der Gründe hierfür ist sicherlich die Kolorierung, erzeugt sie doch jene Großstadt-Atmosphäre, die der Serie ihr charakteristisches Flair verleiht.

Bin ich eigentlich ein Optimist, wenn ich darauf hoffe, dass "Topolinia 20802" irgendwann auch in Deutschland veröffentlicht wird? Vermutlich. Zu anders ist der Comic, zu originell - und vor allem: zu lang. Hierzulande fürchtet man Geschichten dieser Art ja leider wie der Teufel das Weihwasser. Die Italiener scheinen in dieser Hinsicht etwas aufgeschlossener zu sein, bedenkt man, dass im Topolino mittlerweile bereits die zweite Staffel erschienen ist. Ganz offenbar wollten die Leser gerne wissen, wie es weitergeht. Und seien wir ehrlich: Genau darauf kommt es bei Serien im Endeffekt an.

Storycode: I TL 2811-1P
Originaltitel: Topolinia 20802
Story: Fausto Vitaliano, Alberto Savini, Giorgio Salati
Zeichnungen: Marco Ghiglione, Giuseppe Dalla Santa, Casty, Lorenzo Pastrovicchio

Kommentare:

  1. Schöner Einblick! Ich habe aus der ersten Staffel eine Episode auf Französisch, habe sie mir aber absichtlich gar nicht angeschaut, um jungfräulich einsteigen zu können, wenn sie bei uns abgedruckt wird. Keine Ahnung, wie die Chancen stehen, aber hoffen tu ich immer darauf. Wie auch sonst soll man der Maus mehr Akzeptanz verschaffen, wenn man nicht mehr von ihr bringt, und ganz besonders das von grösster Qualität? Alles andere ist ein Teufelskreis. Selber Schuld, sag ich da nur.

    AntwortenLöschen
  2. Oh ja, der Begriff "Teufelskreis" bringt es auf den Punkt! Ich habe bei der Gelegenheit übrigens noch einmal im Fragen-Thread gestöbert: Vor genau einem Jahr meinte Peter Höpfner, man schaue sich "Topolinia 20802" zwar an, es sei jedoch "nicht ganz die Kategorie Wizards oder Ultraheroes". Ich seh's genau umgekehrt. Aber man beruft sich beim Verlag bekanntlich ohnehin gerne auf Qualitätsurteile, wenn es darum geht, den Nichtabdruck von langen Storys aus dem Maus-Universum zu rechtfertigen.
    Zum Glück ermöglichen es mir die Franzosen, auch die zweite Staffel zu lesen! Ich finde es bloß schade, dass die meisten deutschsprachigen Leser vermutlich nicht in diesen Genuss kommen werden.

    AntwortenLöschen
  3. Sehr interessanter Blog-Eintrag!
    Leider ist das Comic bis heute noch nicht in Deutschland veröffentlicht. :(

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen Dank für dein positives Feedback!
      Mittlerweile wäre im Prinzip genügend Material (361 Seiten) vorhanden, um die Serie in einem Sammelband (LTB Premium?) zu veröffentlichen. Hoffen wir das Beste!

      Löschen
  4. Herr Maus zieht in die groe Stadt? Das passiert, wenn man den Permalink selbst schreibt...

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja, das ist unschön. Die Namen der Links werden halt automatisch generiert. Buchstaben wie "ß" haben da keine Chance.

      Löschen
  5. Man kann den Permalink aber auch selber schreiben.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das stimmt. Es wird einem beim Veröffentlichen eines Blogeintrags allerdings nicht explizit angeboten. (Oder hat sich das inzwischen geändert?) Damals war ich mir dieser Möglichkeit jedenfalls nicht bewusst, weshalb der Link automatisch auf Basis des Titels erstellt wurde, wobei das scharfe S natürlich unter den Tisch fiel. Tja.

      Löschen
  6. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

    AntwortenLöschen
  7. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

    AntwortenLöschen